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Northern Soul - A Life Time Obsession
Text: Peanut Vendor

"Sag' mal DJ - habt ihr auch richtigen Soul, James Brown und so...?"
(der häufigste Standardspruch planloser Wichtigtuer)

Bitte folgendes Szenario vorstellen: Günther Jauch stellt die entscheidende Eine-Million-Euro-Frage: "Wie hieß der Lead-Sänger der berühmten US-amerikanischen Soul-Gruppe The Impressions?" Atemlose Stille im Studio! Die befragte Person erbleicht, blickt ratlos umher und versucht es dann mit Hilfe des verbliebenen Publikumsjokers. Ein allerdings eher aussichtsloses Unterfangen, denn eine Umfrage hätte die Tatsache zutage gefördert, daß nur etwa 3% der Anwesenden im Saal überhaupt von der Existenz dieser Formation Kenntnis haben. Das Abstimmungsergebnis ist demzufolge zwar bezeichnend, aber nicht aufschlußreich: 39% tippen auf James Brown, 36% auf Aretha Franklin (Jauch verleiert irritiert die Augen...), weitere 23% entfallen auf Otis Redding - der Kandidat gibt schließlich nach Werbeunterbrechung und einigem bedeutungslosen Gebrabbel auf, das Risiko ist ihm dann doch zu groß...

Klingt gewaltig konstruiert, nicht wahr? Stimmt natürlich - denn wem würde hier in Deutschland schon einfallen, eine solche Frage zu stellen? In England allerdings hätten sich höchstwahrscheinlich 8 von 10 Hausfrauen ohne mit der Wimper zu zucken mal eben schnell das Wirtschaftsgeld aufgebessert. Andere Länder, andere Sitten. Während auf der Insel Soul-Musik durchaus Gegenstand der Alltagskultur ist, darf hierzulande bereits der Besitz einer Greatest-Hits-CD z.B. eben der Impressions als ungemein exotisch angesehen werden... Dieser auffällige interkulturelle Unterschied führt uns dann auch schon zum eigentlichen Gegenstand dieses kleinen Artikels, nämlich der Frage: "Was eigentlich ist Northern Soul?"

Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet, daher vielleicht folgender Versuch der Annäherung: Soul war die dominierende Musikrichtung in den USA in den 60er Jahren und legte den Grundstein für spätere Entwicklungen wie Funk, Disco, Hip Hop und sogar teilweise House. Es wurden grob geschätzt mehrere zehntausend Titel aufgenommen, von denen naturgemäß nur ein Bruchteil in die Hitparaden gelangte. Übrigens wurde damals noch nach "Pop Charts" und "R&B Charts" getrennt, "Black" music trug lange das Etikett "race music"...

Schaue ich mich in meiner kleinen Stadt aufmerksam um, so entdecke ich, daß der Genre-Begriff "Soul" zwar nahezu allgegenwärtig ist (scheinbar ist es irgendwie cool, das Wort als offenbar positiv besetzte, abstrakte Werbefloskel zu verwenden), aber nur selten über die oberflächliche Auffassung, Soul wäre auf die Hits von J.B. und Aretha etc. reduzierbar, hinausgeht. Habe gerade erst auf einer Leipziger Web-Seite gelesen, eine Band würde "die Originale der Blues Brothers und der Commitments" nachspielen. Hm, naja...

In England gehen da wie erwähnt die Uhren etwas anders. Anfänglich getragen von der Subkultur der Mods mit ihrer Vorliebe u.a. für "swingenden" Jazz sowie groovenden Rhythm-and-Blues (R&B in seiner ursprünglichen Wortbedeutung) entwickelte sich vor allem im Norden Englands in den späten Sechziger Jahren eine Club-Szene um überwiegend schnelle, gut tanzbare, der Allgemeinheit jedoch weitestgehend unbekannte amerikanische Soul-Stücke. Dieses Phänomen wurde schließlich irgendwann griffig als Northern Soul bezeichnet. Dabei ging es nicht um den "weichgespülten", also den Hörgewohnheiten eines weißen Mittelklasse-Publikums angepaßten, Hitparaden-Soul (z.B. Motown), sondern den ursprünglicheren, unverfälschten, authentischeren und raueren "stuff" von kleinen, unabhängigen Labels. Diese Labels waren überwiegend in den großen Städten angesiedelt: Chicago, Detroit, New York, Philadelphia, Los Angeles. Der Lebensrhythmus in den Industriemetropolen unterschied sich natürlich von dem in den noch immer eher ländlich geprägten südlicheren Staaten. Und so klingt "Big City" oder "urban" Soul (den Begriff gibt es ja heute auch wieder) durchaus etwas anders als viele "typische" Produktionen von ATLANTIC oder STAX, deren Klangbild bei vielen Gelegenheitskonsumenten die Hörerwartungen stark einseitig geprägt hat.

Die Northern-Soul-Szene in England hat über die Jahre hinweg Höhen und Tiefen erlebt, ist heute musikalisch interessanter denn je und hat inzwischen längst den Status einer Underground-Szene hinter sich gelassen, während in Deutschland Northern Soul noch immer als Geheimtip gilt. Um ein etwaiges Mißverständnis auszuräumen: Northern Soul bedeutet keineswegs, keine Songs bekannter Künstler oder z.B. keine Motown-Produktionen zu spielen, aber das Interesse gilt den selteneren, d.h. meistens ursprünglich kommerziell erfolglosen Titeln und nicht den paar ewig-gleichen, überstrapazierten Mainstream-Hits. Nur ein Beispiel: die vor der offiziellen Veröffentlichung speziell an DJs verteilten Promo-Exemplare von Arthur Conleys "Sweet Soul Music" liefen in britischen Soul-Clubs etliche Male an einem Abend - nachdem der Titel dann kurz darauf an die Spitze der Charts gestürmt und damit auch dem letzten Dorftrottel ein Begriff geworden war, faßte ihn kein Northern DJ mehr an... Das Lied war (und ist) selbstverständlich noch immer grandios, nach Northern-Soul-Maßstäben jetzt aber uninteressant, einfach weil es Teil des Mainstreams geworden war. Dafür gab und gibt es bis heute einfach zu viele andere großartige Songs, die von DJs gespielt und von eingeschworenen Fans leidenschaftlich geliebt werden können.

Durch diese gelegentlich etwas skurril oder elitär wirkende Vorliebe der Northern-Soul-Fans für die kommerziell gescheiterten Titel wurden viele Perlen erst aus ihrem Dornröschen-Schlaf erweckt bzw. sogar davor bewahrt, unwiderbringlich auf dem Müll zu landen, nachdem sie aus den verschiedensten Gründen entweder von den Plattenfirmen gar nicht erst veröffentlicht wurden oder zu ihrer Zeit einfach total floppten, wenngleich das aus heutiger Sicht teilweise unbegreiflich erscheint. Das Potential an hervorragend ausgebildeten schwarzen SängerInnen und Musikern in den USA in den 60ern war aber so riesig, daß viele wirklich gute Produktionen vor allem kleiner lokaler Labels, denen einfach das Geld für aufwendige Werbung oder einen eigenen landesweiten Vertrieb fehlte, in der Masse untergingen.

Ehrlich zugegeben: nicht wenige Songs gefallen auch mir erst nach mehrfachem Hören. Aber wenn man sich nur diese kleine Mühe macht, gezielter hinzuhören, wird man dafür garantiert reich und anhaltend belohnt und außerdem gibt es auch sehr viele Lieder, die einen sofort in ihren Bann (und günstigstenfalls auf eine vorhandene Tanzfläche) ziehen. Entsprechende Aufgeschlossenheit für unbekannte Songs und Tanzlaune vorausgesetzt, sollte es leicht möglich sein, auf einer guten Northern-Soul-Party auch ohne "Vorkenntnisse" auf seine Kosten und ins Schwitzen zu kommen. Im Gegensatz zur Anfangszeit, als es fast nur um sogenannte Stomper (schnelle Stücke mit einem sehr markanten Beat) ging, werden heute in der Szene die verschiedensten Sounds akzeptiert und von entsprechend geschmackssicheren DJs aufgelegt: ruhigere Stücke im Mid-Tempo sind erfreulicherweise nunmehr genauso wenig von einem guten Soul-Allnighter wegzudenken wie treibender R&B, kraftvoll gesungene Beat-Balladen, Sixties-Spätentdeckungen oder eleganter Modern Soul (Bezeichnung für den Soul-Sound seit den frühen 70ern, der sich deutlich vom oft rauen Klang der typischen 60er-Produktionen abhebt und etwas später - in popularisierter bzw. trivialisierter Form - in den Disco-Beat mündete).

Wenn man einmal vom "Soul Bug" gebissen wurde, wird man diese Leidenschaft (glücklicherweise!) wohl nie wieder los, denn diese Musik bietet immer wieder neue, spannende Facetten. Rare-Soul-Fans verbindet ungeachtet ihrer Herkunft eine tiefempfundene Leidenschaft für "ihre" Musik, was in einem nahezu musik-ethnologischen Interesse für die Geschichte jedes einzelnen Songs, seiner Produktion, der Lebensumstände des Interpreten, der Ursachen des Erfolges (viel öfter jedoch des kommerziellen Scheiterns) etc. zum Ausdruck kommt. Man muß sich natürlich nicht erst ein großes Bücherwissen anlesen, um von Soul begeistert zu sein - diese Musik ist einfach hervorragend zum Tanzen geeignet und vermittelt viel positive Energie für den (gemessen nach unseren verwöhnten Maßstäben) nicht immer einfachen Alltag.

Vielleicht können dieser Artikel sowie andere Inhalte von SOUL-MAGIC.DE Interesse wecken und etwas von dem magischen Zauber vermitteln, der dieser Musik zweifellos innewohnt. You're welcome!

Ach übrigens, die richtige Lösung im eingangs erdachten TV-Quiz wäre natürlich die unerwähnte vierte Option gewesen: Curtis Mayfield...

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